Kraniche über Lüttich

 

So viele Kraniche wie nie zuvor

Auf dem Herbstzug überfliegen 350000 Vögel Deutschland. Von Carl-Albrecht von Treuenfels

Der große Überflug ist vorbei. Aber noch bis Mitte Dezember ließen sich fast jeden Tag Flugkeile der Kraniche mit südwestlichem Kurs beobachten. An der Universität Marburg, von deren Turm seit Jahren Ornithologen um Martin Kraft die Zugbewegungen der großen Vögel auf einer der von ihnen bevorzugten Strecken über dem Lahntal bis in den Hintertaunus registrieren, ist die im Herbst und im Frühjahr stattfindende Kranichzählung noch nicht beendet. 233788 erfasste Kraniche bis zum 1. Dezember sind hier ein neuer Rekord. Am 9. November waren es allein 38 070, davon 26000 innerhalb einer Stunde am Vormittag. Viele Menschen auch im Rhein-Main-Gebiet freuen sich in jedem Herbst auf die symmetrischen Zugformationen der „fliegenden Kreuze“ und erfreuen sich an den heiseren Rufen der „Vögel des Glücks“.

Die deutschen Hauptrastplätze liegen in der Rügen-Bock-Region Vorpommerns nahe dem von der Arbeitsgemeinschaft Kranichschutz Deutschland betriebenen Kranich-Informationszentrum Groß Mohrdorf, rund um den brandenburgischen Ort Linum im Rhinluch und Havelländischen Luch, am Helmestausee bei Kelbra am Rand des Südharzes und in der Diepholzer Moorniederung. An diesen und anderen Orten, an denen sich die zu dieser Jahreszeit silbergrauen Vögel mit ihren noch bräunlich gefärbten Jungen sammeln und auf dem Durchzug von Skandinavien, dem Baltikum, aus Polen und der Tschechischen Republik rasten, haben sich in diesem Herbst so viele Kraniche versammelt wie nie zuvor, seit es regelmäßige Zählungen gibt. In der Boddenlandschaft bei Rügen wurden an einem Abend 73000, im Rhinluch gut 130000 und bei Diepholz 105000 beim Anflug und Abflug an den Schlafplätzen gezählt.

Die meisten Tiere steuern nach dem Überqueren Deutschlands einen großen Stausee im Osten Frankreichs an, den Lac du Der-Chantecoq bei St. Dizier, etwa 80 Kilometer westlich von Nancy in Champagne-Ardenne. Hier legen sie eine Verschnaufpause ein. Am 11. November wurden angeblich mehr als 200000 Kraniche in der Region des Lac du Der gezählt, am 23. November fielen am Der-See und dem nicht weit entfernt gelegenen Lac du Temple exakt 90933 Tiere zum Übernachten im seichten Wasser der Ufer ein. Tagsüber fliegen die Kraniche bis zu 30 Kilometer weit auf die umliegenden abgeernteten Maisfelder. Frisch gestärkt, ziehen sie später weiter südwestwärts zum Reservat d’Arjuzanx in Aquitaine, etwa 100 Kilometer südlich von Bordeaux. Manche wählen auch, abhängig von den vorherrschenden Winden und thermischen Bedingungen, den direkten Weg nach Spanien über die Pyrenäen. Die Laguna de Gallocanta in Aragon, 250 Kilometer nordöstlich von Madrid, ist das nächste Ziel. Am 2. Dezember wurden dort 26 831 Kraniche gezählt. Aber auch dort bleiben die meisten nur für eine Rast, bevor sie in die Extremadura, nach Portugal oder gar über Gibraltar nach Nordafrika weiterfliegen, um hier zu überwintern.

Mindestens 350000 Vögel umfasst die Kranichpopulation des „westeuropäischen Zugweges“. Auf diese neue Zahl legten sich Anfang November die für den Schutz der Art Grus grus grenzüberschreitend aktiven Fachleute auf einer Tagung in Gallocanta fest. Hinzu kommen 130000 bis 150000 Vögel, die den östlichen Zugweg über Ungarn, die Türkei, das östliche Mittelmeer, Zypern und Israel wählen. Ihre Überwinterungsgebiete liegen, soweit sie bekannt sind, in Algerien, Marokko und Äthiopien. Allein in Ungarn wurden am 23. Oktober 116 800 Kraniche an ihren Übernachtungsplätzen synchron erfasst, im israelischen Hula-Tal, wo auch immer mehr Tiere dank regelmäßiger Ablenkfütterung durch den Naturschutz überwintern, waren es am 23. November 46700 Vögel. Zu den knapp eine halbe Million Grauen Kranichen Europas kommen noch die in Sibirien und den östlichen ehemaligen Sowjetrepubliken brütenden Artgenossen mit mehreren zehntausend Paaren.

So haben die Grauen Kraniche dank intensiven Schutzes in den vergangenen 20 Jahren aufgeholt und nehmen unter den 15 Arten nach den nordamerikanischen Kanadakranichen (Sandhill Cranes) mit gut 600000 Tieren den zweiten Rang ein. Bezogen auf die gewaltige Fläche ihrer Verbreitung, sind es keineswegs „zu viele“, wie mitunter vor allem in Landwirtschaftskreisen geäußert wird. Nur zur Zugzeit kann es in einigen Gebieten zeitweilig zu einem „Kranichstau“ kommen, dem die vielen amtlichen und privaten Kranichschützer mit Ablenkfütterungen und moderaten Vergrämungsaktionen begegnen.

Zu welchen Leistungen die Kraniche auf ihren Wanderungen fähig sind, hat in diesem Herbst das im Sommer 2013 in Estland beringte und mit einem Satellitensender versehene Weibchen „Ahja 4“ bewiesen. Es hat vom 16. bis zum 21. Oktober mit nur wenigen kurzen Unterbrechungen 3000 Kilometer vom nördlichen Weißrussland bis in den Süden der Halbinsel Sinai zurückgelegt. Dabei hat es das östliche Mittelmeer ohne Zwischenlandung überquert. Nach nur kurzem Aufenthalt in Israel ist es am 26. Oktober abends am Tanasee in Äthiopien gelandet, genau dort, wo es im vorigen Winter auch schon mehrere Wochen zugebracht hat: nach einer Flugstrecke von 5100 Kilometern in nur elf Tagen.

Immer mehr der mittlerweile 8000 in Deutschland brütenden Paare (1956 wurde der Brutbestand mit nur 200 Paaren angegeben) sparen sich solche Anstrengungen in jüngster Zeit und überwintern hier. Wenn es nicht zu kalt und schneereich wird, können es auch in diesem Winter wieder einige tausend werden.

Das können sich zwei Arten, die in Sibirien brüten, aus klimatischen Gründen nicht leisten. Mönchskraniche, die in der Taiga und Tundra im ostsibirischen Jakutien, im fernöstlichen Russland und im Nordosten Chinas ihre Jungen großziehen, überwintern im Südosten Chinas, in Korea und im Süden Japans. Weißnackenkraniche verlassen im Frühherbst ihre Sommerreviere in der Mongolei, im Südosten Russlands und dessen chinesisch-mandschurischer Nachbarschaft, etwa in den ausgedehnten Schilfflächen des riesigen russisch-chinesischen Chanka-Sees, um ebenfalls nach einem Flug über zum Teil mehrere tausend Kilometer bis nach China in die verzweigten Feuchtgebiete des Poyang-Sees, nach Korea und Südjapan zu gelangen. Nahe der kleinen Stadt Izumi auf Kyushu, der südlichsten der vier Hauptinseln Japans, treffen beide Arten auf engem Raum zusammen. Arasaki heißt der kleine Ort, an dem in jedem Winter die artenreichste Versammlung freilebender Kraniche der Welt stattfindet. Die in ihren Brutgebieten und auf dem Zug scheuen Vögel werden im Verlauf ihres Winteraufenthalts recht vertraut und lassen sich gut aus der Nähe von festen Aussichtspunkten aus beobachten.

Von November bis März werden hier täglich mit staatlichen und privaten Mitteln 15000 bis 20000 Tiere auf Reisfeldern, die von Bauern zu dieser Zeit gepachtet werden, mit Getreide und Fischen versorgt und so weitgehend von den benachbarten Feldern ferngehalten. Mit fast 90 Prozent der Weltpopulation von etwa 15 000 Vögeln sind die mit einer Körperlänge von etwa 100 Zentimetern relativ kleinen Mönchskraniche am häufigsten. Am 15. November dieses Jahres wurden 13472 Mönchskraniche (Grus monachus) gezählt. Mehr als 9000 kamen an einem einzigen Tag Ende Oktober. Es folgen die bis zu 140 Zentimeter großen Weißnackenkraniche (Grus vipio), von denen an diesem Tag erst 886 angekommen waren. Von ihnen trifft die Mehrheit nach Zwischenaufenthalten in China und Korea im Lauf des Dezembers ein. Am 7. Januar 2014 waren 3500 der besonders schön gefärbten Weißnackenkraniche in Arasaki – auch das sind gut 80 Prozent der kleinen Weltpopulation von vier- bis fünftausend Vögeln. Die Mönchskranichpaare haben häufiger zwei Junge im Gefolge, die Weißnackenkranichpaare allenfalls einen Jungvogel.

Unter der besonders zur morgendlichen Fütterungszeit dichtgedrängten Schar der Mönchs- und Weißnackenkraniche, die sich meist gut vertragen, sind jedes Jahr auch mehrere Graue Kraniche, einige der auch im Nordosten Sibiriens brütenden Kanadakraniche (die über die Beringstraße und Alaska in den Südwesten der Vereinigten Staaten zum Überwintern ziehen) und – nur hier so gut zu sehen – sechs bis acht Graumönchskraniche. Das sind die – fruchtbaren – Nachkommen einer Mischehe zwischen einem Mönchskranich und einem Graukranich, zu der es in Sibirien regelmäßig immer wieder dort kommt, wo sich die Brutgebiete beider Arten überlagern. Am 15. November wurden sechs dieser Hybriden gezählt. Sibirische Schneekraniche, von denen auch in manchen Jahren einige aus ihrem traditionellen Überwinterungsgebiet am Poyang-See versprengte Exemplare auftreten, waren bis zu diesem Tag noch nicht aktenkundig geworden.

Die Kraniche von Arasaki und das bei Izumi vor einigen Jahren großzügig ausgestattete Kranichmuseum ziehen in jedem Winter Zehntausende Naturfreunde aus Japan und aller Welt an. Einen ähnlich großen Zulauf haben in jedem Winter die Mandschurenkraniche auf der nördlichen japanischen Hauptinsel Hokkaido. Diese großen „rotköpfigen weißen Tänzer“ der Art Grus japonensis sind auf Hokkaido keine Zugvögel, sondern brüten hier. Ihre Zahl ist von gut 30 Vögeln zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts auf gut 1400 gestiegen – dank intensiven Schutzes und winterlicher Fütterung. Auch diese Population stellt mittlerweile mehr als die Hälfte des Weltbestandes dar. Von ihnen verirrt sich aber keiner im Winter auf die Insel Kyushu, allenfalls gelegentlich in den Norden der Hauptinsel Honshu.

Ende Februar brechen die Weißnackenkraniche zu ihren Brutgebieten auf. Für sie wie für die Mönchskraniche, die ihnen im Verlauf des Monats März über die Korea-Straße zwischen dem Japanischen und dem Ostchinesischen Meer zum Festland folgen, ist die mehrere tausend Kilometer lange Zugstrecke nicht ungefährlich. Trotz gesetzlichen Schutzes werden sie unterwegs in manchen Gegenden bejagt. Noch gefährlicher ist es, wenn die Vögel auf Feldern landen, auf denen die Bauern Gift gestreut haben. Das gilt nicht in erster Linie den Vögeln, sondern Mäusen, Ratten und anderen Nagetieren. Doch die gehören zur Beute der Kraniche. Immer wieder werden besonders in China durch den Verzehr von vergifteter Nahrung verendete Kraniche gefunden, darunter auch solche, die über Beinringe und Satellitensender Aufschluss über die Zugrouten, die „Trittsteine“ für die Rast und die Brutgebiete geben sollen. Aufklärung der Landbevölkerung steht daher an oberster Stelle beim Schutz für Asiens Kraniche. Neben der Sicherung der für die Kraniche lebenswichtigen Feuchtbiotope hilft dabei die „International Crane Foundation“ aus den Vereinigten Staaten mit ihrem chinesischen Ableger, die seit Jahren von der deutschen „Stiftung Feuchtgebiete“ in Zusammenarbeit mit der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt unterstützt wird.

F.A.Z. 23.12.14

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